Karoline Gruber | Opernregie

  • Staatsoper Hamburg 2004
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Guiseppe Verdi
Nabucco
2004 : Staatsoper Hamburg
Dirigent: Ion Marin
Bühnenbild: Stefan Heyne
Kostüme: Henrike Bromber
Presse

HAMBURGER ABENDBLATT
...dann aufs Psychosen-Schlachtfeld Kleinfamilie? Ein überraschender, überraschend plausibler Aspekt, bei dem Gruber ansetzte: Während der Ouvertüre erzählt ein rückblendender Film die Geschichte von Väterchen Nabucco im Hausmantel auf der Bettkante, der eine seiner Töchter mit eindeutigen Gesten lieber hat, als es das Gesetz erlaubt. Darauf muss man erst mal kommen, und es ehrt Gruber, dass sie diesen wunden Punkt im Libretto fand.
Und just hier gelingt Gruber ihr großer Regie-Glücksgriff: Den Gefangenenchor, Inbegriff des Schönen, Guten, Wahren, verwandelt sie in eine Anklageverlesung; Nabuccos Bett ist wieder da, die Spielzeugpuppe von damals dreht sich wieder, und auch die Vaterfigur von damals will Abigaille wieder an die Wäsche.

SPIEGEL ONLINE
...Die Eroberung Jerusalems und der Konflikt zwischen den Hebräern und den anstürmenden Babyloniern spielt ursprünglich 587 v. Chr., liefert jedoch erlesene Steilvorlagen für wohlfeile Aktualisierungen, so dass man das Wort "Nahost" gar nicht erst in den Mund nehmen muss. Das sagte sich auch die junge Regisseurin Karoline Gruber auch... Sie warf die Handlung auf den Konflikt der beiden rivalisierenden Schwestern Abigaille und Fenena zurück, zwischen deren Gezerre nicht nur der Vater und babylonische Herrscher Nabucco beinahe zerbricht, sondern auch sein ganzes Reich... Die Bühnenmitte ist ein schlichtes Kontor, es geht um Staat, Politik und Wirtschaft... Business as usual. Per Arena-gerundeter Bildtapete sind die (zeitgenössisch dargestellten) Volksmassen stets präsent, zeigen erdrückende Fülle und beengende Wucht - keiner kommt hier lebend oder zumindest unverwundet raus, ein Gefängnis der politisch-gesellschaftlichen Zwänge ...

NDR-Kultur
Nabucco, der babylonische König, nimmt den jüdischen Glauben an, weil er weiß, dass er sich so seine Macht sichert. Am Ende heißt bei Verdi, Nabucco werde durch den Segen Gottes mächtig sein. Die Verquickung von Staat und Religion brachte schon immer Unheil. Diesen letzten Satz des Hohepriesters Zaccaria läßt Karoline Gruber nicht einfach so stehn. Bei ihr streiten sich Zaccaria und Nabucco während des Schlußchores, wer der Herrscher sein soll... Der finale Schuß knallt nach dem letzten Akkord in den dunklen Raum. Fanatismus und Fundamentalismus führen zu Mord und Totschlag. So einfach, so bitter, so wahr.
Das zweite Drama in "Nabucco" ist die psychologisch vertrackte Konstellation zwischen Nabucco und seinen beiden Töchtern Fenena und Abigaille. Beide wollen sich vom Vater emanzipieren, beide buhlen um seine Liebe, aber auch um die Thronfolge. Abigaille muß erfahren, was sie schon lange ahnte: ihre Mutter war eine Sklavin, sie hat keine Rechte auf den Thron. Sie wird noch mehr zu bösartigen Furie. Karoline Gruber zeigt Empathie für Abigaille.
Karoline Gruber sieht in Abigaille eine hoch-traumatisierte Frau, die einst vom Vater missbraucht wurde. Das zeigt die Regisseurin in einem Video, das sie zur Ouvertüre ablaufen läßt. Den politischen und privaten Konflikt, die psychischen Profile der Figuren in "Nabucco" hat Karoline Gruber plausibel herausgearbeitet...

BERLINER MORGENPOST
...Karoline Gruber misstraut vor allem der Berufung auf die jeweiligen Götter. Die Machtzentralen, die im Zentrum der Bühne durch Büromöbel angedeutet sind, werden zwar ausgetauscht, sind aber bis hin zu den Insignien der Herrschaft, der Krone, identisch. Nabuccos Konversion zum Gott der Überfallenen ist daher lediglich politisches Kalkül, was freilich mit Soleras und Verdis Finale kollidiert. So steht nicht die Unterwerfung des Eroberers unter den einzig wahren Gott am Ende, sondern der Tod der Anführer: Zaccaria und Nabucco halten ihren Machtkompromiss nicht mal einen Augenblick durch und erschießen sich gegenseitig. Die Intoleranz hat gesiegt.
Mehr noch als um diesen pessimistischen politischen Schluss geht es der Regisseurin aber um die private psychologische Dimension des Vater-Tochter-Konfliktes. Schon zur Ouvertüre sehen wir in einem Film, wie zwei kleine Mädchen am Geburtstag ihres Vaters um dessen Gunst wetteifern. Dabei bleibt es nicht bei der harmlosen Kissenschlacht, wie man sich denken kann.
Was nur angedeutet ist, wird für die missbrauchte Abigaille zu einem Lebenstrauma, das mit einem Selbstmord endet. Der Gefangenenchor wird hier folgerichtig nicht zur politischen Demonstration an der Rampe, sondern zum individuellen Drama der Erinnerung Abigailles an eben diesen Missbrauch. Der Chor steht kaum sichtbar vor dem Rundhorizont im Halbdunkel und klingt gedämpft. Zugleich taucht hinter Abigailles Bett (ihrer Machtzentrale) der junge Vater leibhaftig auf, um sie erneut zu bedrängen. Während sich die kleine Ballerina auf der Spieluhr, wie einst im Film, nun auf dem Nachttisch dreht, senkt sich aus der Bühnendecke ein gewaltiger Zylinder und verdeckt diese individuelle Katastrophe Abigailles. Die Frau ist die Gefangene...